Hunde unter die Schulbank?

Ein Studie aus Wien lässt international aufhorchen: Die Anwesenheit von Hunden in der Schule unterstützt die soziale Integration von Kindern. Ein Modell für die Zukunft?

Gottlob - die Zeiten, in denen Schüler mit dem Rohrstaberl zu Räson gebracht wurden, sind vorbei. Heute darf Schule Spaß machen. Lehrpläne und Unterricht werden so gestaltet, dass die Kinder sich in der Schule entfalten können. Viele engagierte Pädagogen und Institutionen arbeiten daran, den Schulbesuch attraktiv zu machen.

Ausgehend von der bereits in vielen Studien belegten Tatsache, dass der Umgang mit Tieren einen positiven Einfluss auf Kinder hat, hat das Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) unter der wissenschaftlichen Leitung von Univ.-Prof. Dr. Giselher Gutmann vom Institut für Psychologie der Universität Wien und Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal vom Institut für Zoologie der Universität Wien an einer Wiener Schule eine Untersuchung durchgeführt: Dabei sollte festgestellt werden, ob die Anwesenheit von Hunden in einer Klasse einen messbaren Einfluss auf die soziale Integration der Kinder hat.

21 Kinder, 1 Lehrerin, 3 Hunde: eine "Klasse für sich"

Die Direktorin der Europa-Schule in Wien im 20. Bezirk, Elisabeth Henner, war sofort von der Idee begeistert und bereit, das Projekt an ihrer Schule anlaufen zu lassen. Starke Unterstützung kam auch vom Wiener Stadtschulrat. Veronika Poszvek, die Lehrerin der Testklasse, war prädestiniert für die Mitarbeit: Neben ihrer Tätigkeit als Volksschullehrerin ist sie unter anderem auch als Hundetrainerin tätig. Ihre drei Hunde sind ausgebildete Therapie- und Rettungshunde, die schon Auszeichnungen für ihre Einsätze im In- und Ausland eingeheimst haben.

Die Projektklasse war hingegen eine besondere Herausforderung: erste Schulstufe, keines der 21 Kinder hatte Deutsch als Muttersprache, keines hatte einen Hund in der Familie. Zunächst galt es, die Eltern für das Projekt zu gewinnen: Sie wurden ausführlich über die Ziele der Untersuchung informiert und stimmten schließlich zu, dass ihre Kinder an dem Projekt teilnehmen und für die Begleitstudie befragt und gefilmt werden durften.

Genaue Erhebungen

Die erste Datenerhebung erfolgte zu Beginn des Sommersemesters 2000, einerseits in der "Untersuchungsklasse" und andererseits in einer vergleichbaren "Kontrollklasse" (ohne Hund) in derselben Schule. Während des Semesters nahm Veronika Poszvek jeweils einen ihrer Hunde zum Unterricht mit. Dreimal pro Woche wurde für je eine Stunde das Verhalten der Kinder durch Videoaufzeichnung dokumentiert. Am Ende erfolgte eine zweite Datenerhebung in beiden Klassen.

Bei den Datenerhebungen wurden die Kinder mittels anerkannter psychologischer Testverfahren einzeln befragt. Die Tests und Videoaufzeichnungen wurden unter der Leitung der beiden Universitätsprofessoren ausgewertet.

Erstaunliche Ergebnisse

Die Kinder verloren rasch ihre anfängliche Scheu und zeigten gesteigertes Interesse an den Hunden. Auch das Klassenklima verbesserte sich: 18 der 21 Kinder gaben an, dass sie lieber in die Schule gingen, seit die Hunde anwesend sind.

Die Kinder fühlten sich keineswegs durch die Hunde abgelenkt, sondern verfolgten im Gegenteil den Unterricht immer aufmerksamer. Das Aggressionspotential nahm signifikant ab. Besonders lebhafte Kinder wurden ruhiger und ausgeglichener, besonders ruhige Kinder traten mehr aus sich heraus und konnten sich zunehmend sozial integrieren. Vor allem Buben profitieren verstärkt von den Hunden in der Klasse.

Durch die Rücksichtnahme und den Umgang mit den Hunden entwickelten die Kinder Empathie (die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen), einen Schlüsselfaktor der sozialen Integration. Sie wurden außerdem unabhängiger von der Meinung anderer und steigerten die Fähigkeit, selbstständig ein Urteil zu fällen.

Aussage einer Mutter

Eine Mutter, deren Sohn sehr verhaltensauffällig ist, freut sich, dass er für seine Aggressions- und Frustrationsgefühle ein positives "Ventil" gefunden hat. Wenn er sich schlecht fühlt, beißt und brüllt er nicht mehr, sondern beschäftigt sich mit den Hunden. Bei diesem Kind konnte die Lehrerin beobachten, dass ihr Hund Datura aktiv auf den zornigen kleinen Buben zuging, ihm die Tränen abschleckte und nicht locker ließ, bis das Kind besänftigt war. Der Bub sagte später: "Datura versteht mich."

Die einhellige Meinung aller Beteiligten - Kinder, Lehrkräfte, Eltern und Wissenschaftler: Hunde sind offenbar wirksame Katalysatoren für die Entwicklung von Sozialverhalten und der sozialen Integration in Gruppen.

Internationale Anerkennung


Vor einigen Monaten wurde die Studie auf einem internationalen wissenschaftlichen Kongress zur Mensch-Tier-Beziehung in Rio de Janeiro präsentiert und stieß bei den versammelten Experten auf großes Interesse. Auch in Österreich selbst beginnt sich der Erfolg des Projekts - das selbstverständlich fortgeführt wird - herumzusprechen: Mehrere Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen haben sich bereits beim IEMT erkundigt, was sie beachten müssen, wenn sie ihren Hund ebenfalls in die Schule mitnehmen wollen.

Dazu Renate Simon, Generalsekretärin des IEMT: "Das Wichtigste ist, dass nur ein wohlerzogener, absolut gutmütiger und ‚kindererfahrener' Hund in die Klasse darf - und natürlich gehört er regelmäßig zur Gesundheitskontrolle zum Tierarzt. Alles andere muss im Einvernehmen mit der Schulleitung und mit den Eltern geregelt werden." Das IEMT steht allen Interessenten gerne beratend zur Seite

(Tel.: 01/505 26 25-30 oder contact@iemt.at).

Vielleicht gehört es bald zum Schulalltag, dass auf die Frage der Lehrkraft, ob alle anwesend sind, auch ein kurzes "Wuff" in der Klasse ertönt.

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