Stress lass nach: Ehepartner contra Haustier?

Dr. Karen Allen von der Medizinischen Fakultät der University of New York untersuchte den Einfluss von Haustieren in Stresssituationen und kam zu einem verblüffenden Ergebnis: Während die Anwesenheit des Ehepartners den Stress noch erhöhte, übten Hund, Katz' und Co. einen beruhigenden Einfluß auf die Testpersonen aus.

"Der Vertrag muss heute noch unterschriftsreif sein! Und vergessen Sie nicht: Der Bericht über das Fusionsprojekt muss morgen früh auf meinem Schreibtisch liegen." Stress pur - und das nicht nur im Büro; zu Hause geht's dann nahtlos weiter: "Musst Du unbedingt auch am Abend arbeiten?" Also vielleicht besser gleich im Büro bleiben …? Das ist wohl auch keine Lösung.

Tiere als "Heilmittel"

Beruflicher und privater Druck beeinflussen unser Stressempfinden und damit unsere Gesundheit. Es gibt jedoch Faktoren, welche die Belastung abbauen und damit nicht nur unser Wohlbefinden steigern, sondern auch konkrete Gesundheitsrisiken verringern. Diese "vorbeugenden Heilmittel" sind ganz natürlich, haben einen Pelz und vier Pfoten und hören auf Namen wie "Schnurrli" oder "Flocki".

Am 8. Weltkongreß zur Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung in Prag wurde von der amerikanischen Medizinerin Dr. Karen Allen eine vielbeachtete Studie präsentiert: "Wie Haustiere die Gesundheit und die Lebensqualität des Menschen verbessern".

Dass Haustiere positiv auf die menschliche Gesundheit wirken, weiß man schon seit längerem: So haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, daß Tierhalter nach einem Herzinfarkt eine größere Überlebenschance haben; Risikofaktoren wie Chol-
esterinwerte sind bei Tierbesitzern niedriger als bei Menschen ohne Tier; in Alters- und Pflegeheimen sinkt durch die Anwesenheit von Tieren der Medikamentenverbrauch; und sogar das Wohlbefinden von Alzheimer-Patienten kann durch vierbeinige "Ko-Therapeuten" gesteigert werden.

Über die Mechanismen, wie diese Wirkung zustande kommt, ist aber noch wenig bekannt. Ein Erklärungsmodell geht davon aus, daß negative Auswirkungen von Stress auf das Herz-/Kreislaufsystem durch die Anwesenheit von Tieren gemildert werden können. Um diese These zu überprüfen, hat Dr. Karen Allen 60 Testpaare mit Hund oder Katze sowie - als Kontrollgruppe - 60 Testpaare ohne Tier in Stress- und Ruhesituationen auf Pulsfrequenz und Blutdruckwerte untersucht - und ist dabei zu erstaunlichen Ergebnissen gelangt.

Vierbeinige "Stresslöser"

Alle Teilnehmer wurden psychologischen Stresstests (fünf Minuten Kopfrechnen) sowie physischen Belastungsproben (zwei Minuten lang die Arme in Eiswasser halten) unterzogen. Die Tests wurden - in zufälliger Reihenfolge - in unterschiedlichen Situationen wiederholt: allein / mit Unterstützung des Ehepartners / mit Unterstützung des Haustieres (oder eines Freundes bei den Nichttierbesitzern) / mit Ehepartner und Tier (bzw. mit Ehepartner und Freund bei den Nichttierbesitzern). Zwischen den Stresssituationen gab es jeweils 15-minütige Ruhepausen.

Die Untersuchungen fanden in der natürlichen Umgebung der Testpersonen statt, Hunde und Katzen waren jeweils ihre eigenen. Faktoren wie Einkommen, Alter, Gewicht, Anzahl der Kinder oder Bildungsgrad waren bei beiden Gruppen vergleichbar. Die Fragestellung lautete, ob (und wie) sich die Anwesenheit von Haustieren im Vergleich zu menschlicher Unterstützung auf das Herz-Kreislauf-System auswirkt.

"Liebling, ich brauche Deinen Beistand!" Das würden viele von uns in einer derartigen Situation denken oder sogar aussprechen. Doch weit gefehlt: Die Untersuchung ergab, dass in Situationen geistiger Anspannung (Kopfrechnen) Puls und Blutdruck in Anwesenheit des Ehepartners am stärksten nach oben schnellen. Die Eiswassertortur hingegen bewältigten die Testpersonen allein am schlechtesten; hier brachte auch die Anwesenheit des Ehepartners eine Verbesserung. Die weitaus beste Unterstützung in beiden Fällen gaben jedoch Hund und Katze.

Für die Ergebnisse beim Rechnen gibt es eine einfache Erklärung: Vor einem menschlichen Beobachter - und speziell vor dem eigenen Partner - will man sich in einer solchen Situation nicht blamieren, was natürlich den Stress erhöht. Dem Tier hingegen ist die geistige Leistungsfähigkeit seines Besitzers "schnurzegal"; für die Beziehung zählen hier ganz andere Werte.

Schwieriger zu erklären sind hingegen die Resultate des Eiswassertests; denn auch hier brachte der Beistand des Tieres bessere Ergebnisse als jener des menschlichen Partners. Allerdings gab es bei diesem Test noch ein weiteres interessantes Ergebnis: Die Tierbesitzer zeigten durchgängig (auch wenn das Tier gar nicht anwesend war) geringere Stressreaktionen als die Nichttierbesitzer. Dies bestätigt die Resultate der bereits erwähnten früheren Studien, wonach Tierbesitzer bei gesundheitsrelevanten Faktoren (wie etwa dem Cholesterinspiegel im Blut) generell besser abschneiden als Menschen ohne Tier.

Interessante Ergebnisse brachte auch die Beobachtung der Erholungsphase nach dem psychologischen Stress; viele Wissenschafter geben diesen Werten mehr Gewicht als jenen, die während der Stressphase selbst gemessen werden. Die Tierbesitzer erholten sich wesentlich rascher von der Belastung als die Nichttierbesitzer (und zwar nicht nur dann, wenn das Tier dabei war). Auch in Anwesenheit des Ehepartners regenerierten sich die Tierbesitzer innerhalb von fünf Minuten, während die Nicht-Tierbesitzer deutlich länger brauchten.

Tiere reduzieren auch den "Partnerstress"

Nach den Ergebnissen der Studie von Dr. Allen sollte man schwierige Arbeiten also nicht in Anwesenheit des Ehepartners durchführen, sondern lieber allein. Noch besser geht es allerdings mit dem Haustier. Doch auch der "Stressfaktor" Ehepartner wird durch die Anwesenheit des vierbeinigen Hausgenossen messbar gemildert.

In ihrem Vortrag kam Dr. Allen so zu einem zwar nicht ganz ernst gemeinten, im Kern aber doch schlüssigen Rat an die Zuhörer: "Wenn Sie schon unbedingt heiraten wollen, sollten Sie sich zugleich auch ein Haustier anschaffen!"

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